KNIGGE-TICKER

Hier finden Sie ab sofort die neuesten Veröffentlichungen des "Arbeitskreis Umgangsformen International"

10.08.2022
„Du hast doch wohl zwei linke Hände!“

Vor über 45 Jahren wurde von dem US-Amerikaner Dean R. Campbell der »Tag für Linkshänder« ins Leben gerufen. Er legte ihn absichtlich auf einen Freitag den 13, – in diesem Jahr ein Sonnabend –, als Zeichen gegen den Aberglauben, der sich um die Linkshändigkeit rankte." 2 Was früher, weil als Teufelswerk verschrien, dazu führen konnte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, und später über Jahrzehnte hinweg gnadenlos abtrainiert wurde, gilt inzwischen zum Glück als nichts Ungewöhnliches mehr. Dennoch gibt es im Sprachgebrauch nach wie vor Äußerungen, die als Abwertung empfunden werden können. Beispiele: Der als Überschrift gewählte Satz oder ein nach wie vor von Erziehenden gern mit Blick auf Begrüßung gebrauchter: „Gib mir das schöne Händchen.“ Auch wenn vermutlich die wenigsten Menschen solches absichtlich diskriminierend verwenden, lohnt es sich, derartig Unbedachtes zu reflektieren und möglicherweise Verletzendes aus der Sprache zu verbannen. Fragen, welche Hand linkshändige Menschen zur Begrüßung reichen sollten, hatten seit Beginn der Pandemie keine Hochkonjunktur. Weil sich nicht wenige in Deutschland den Handschlag zur Begrüßung sehnlichst zurückwünschen und ihn teils auch bereits wieder praktizieren, wird das Thema erneut aktuell. Da es sich kulturell so entwickelt hat und in unserem Land allgemein üblich sowie für die Betreffenden ohne allzu große Mühe einzurichten ist, wird ihnen nahegelegt, den Händedruck mit der rechten Hand anzubieten. Ausnahmen dazu gibt es selbstverständlich ganz allgemein, wenn Verletzungen oder Behinderungen dem entgegenstehen. Außerdem tauchen immer noch oft Fragen zu Tischsitten für Linkshändige auf. Dass diese das Besteck auf die ihnen gerechte Art verwenden, ist seit Jahren selbstverständlich geworden. Unsicherheiten dazu gibt es allerdings zum Beispiel, ob zu Beginn eines mehrgängigen Menüs vom Gast das gesamte Gedeck „umgebaut“ wird, was mit den Gläsern passiert und ob das Besteck am Ende des Essens rechts oder links abgelegt werden soll. Letzteres ist mit Blick auf die Routine der Servicekräfte zu beantworten, denen die Arbeit durch links abgelegtes Besteck beim Ausheben der Teller – im privaten Bereich „abräumen“ genannt – sehr erschwert würde. Auch linkshändige Menschen werden deshalb gebeten, das Besteck zwischen „vier und fünf“ – wenn Sie sich den Teller als Uhr vorstellen – parallel mit dem Messer rechts neben der Gabel abzulegen. Das ist eine zumutbare Bitte, da sie es ohne Schwierigkeiten bewerkstelligen können. Ist eine Tafel, wie üblich, für Rechtshändige eingedeckt, wechseln Linkshändige das Besteck in die ihnen genehme Hand, nachdem sie die Teile pro Gang aufgenommen haben. Das gilt inzwischen übrigens völlig unabhängig von der „Lieblingshand“ für alle Menschen. Ein Glas sollte nach dem Trinken wieder an seinem angestammten Platz, also rechts, abgestellt werden. Dies ist unter anderen Vorteilen für das Nachschenken durch den Getränkeservice die praktikabelste Position. Tipp für Gastgebende: Decken Sie zu Hause bei einer Einladung zu einem mehrgängigen Menü für eine Person, von der Sie wissen, dass sie auch beim Essen praktizierende Linkshänderin ist, an deren Platz von vornherein das gesamte Besteck spiegelbildlich ein.


24.06.2022
Wieviel Hüllen können fallen? – Kleidungstipps bei Sommerhitze

Am ersten wirklich heißen Sommertag des Jahres taucht regelmäßig erneut die Frage auf:
„Wie viele Hüllen können wo fallen, ohne dass es unangebracht oder gar blamabel wird?“
Hier die wichtigsten Tipps zur angebrachten Kleidung bei Sommerhitze:

1. In allen Berufsgruppen, in denen formelle Kleidung zum guten Ton gehört – wie in
Geldinstituten, Anwaltskanzleien, Steuerberatungsbüros, Versicherungsagenturen und
ähnlichen Professionen – wird auch im Sommer korrektes Business-Outfit erwartet.
Bauchfreie Kreationen für Frauen und kurze Hosen für Männer – um nur zwei Beispiele zu
nennen – können zu falschen Rückschlüssen auf mangelnde Professionalität, Seriosität
und Kompetenz führen.

2. Auch in weniger konservativen geschäftlichen Bereichen ist Vorsicht bei der Kleiderwahl
klug. Sehr leichte, freizügige Outfits bei Frauen – etwa Hotpants, Miniröcke, Sonnentops,
große Dekolletés sowie die bereits erwähnte bauchfreie Mode – oder äußerst Lässiges bei
Männern – zum Beispiel Achselshirts und Shorts – erweckt bei der Kundschaft vielfach
einen negativen Eindruck. Oft wird in Gedanken vor „Lässiges“ ein „Nach“ gesetzt.
Vertrauenswürdigkeit, Seriosität und Kompetenz verbinden die meisten Menschen, wenn
auch in der Regel unbewusst, mit adäquater, mehr herkömmlicher Garderobe.

3. In der Freizeit ist es selbstverständlich eher möglich, Legeres zu tragen, ohne bei den
Mitmenschen anzuecken. Dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass zum Beispiel
Bikinis und Badehosen in Einkaufsstraßen oder -passagen, in öffentlichen Verkehrsmitteln
oder Restaurants empfehlenswert wären. Solche Aufmachungen stören dort sehr viele,
und zwar längst nicht nur besonders Konservative. Gleiches gilt für derartige Outfits auf
Reisen.

4. Bei Besuchen oder Besichtigungen spezieller Stätten sowie Gebäuden, beispielsweise
religiöse Bauten, Friedhöfe, Gedenkstätten und Museen – ist dies wichtig: Erkundigen Sie
sich in Zweifelsfällen vorher, welche Gepflogenheiten oder Vorschriften dort herrschen.
Solche auch durch die Wahl der Kleidung zu respektieren, beweist die notwendige
Wertschätzung den Mitmenschen gegenüber – und zwar auf Reisen wie daheim.


01.06.2022
Small Talk – dummes Blabla oder Kommunikations-Hilfe?
„Small Talk im Beruf?!? Um Himmels Willen. Mit solch seichtem Blabla-Gequatsche mache ich mir doch mein gutes Geschäfts-Image kaputt!“ Wer so denkt, interpretiert den Begriff Small Talk vermutlich auf diese Weise: „Hey, alles klar? – Klar, schlechten Leuten geht´s immer gut. – Haha, stimmt, erst recht bei dem Wetter. – Ja, super das Wetter heute! – Hoffentlich bleibt es so!“ Oder hat die kurze, auf das Wesentliche reduzierte Variante im Sinn, die manchen Deutschen in verschiedenen Landstrichen nachgesagt wird: „Morgen. – Morgen. – Und? – Muss ja! – Gut. – Tschüss.“ 2 Mit so etwas hat ein guter Small Talk – auch „Light Talk“ oder „Culture Talk“ genannt – absolut nichts gemeinsam. Es geht dabei keineswegs um dümmliches Blabla oder verkürzte Sätze, sondern hierum: Es soll auf behutsame und rücksichtsvolle Art entweder Kontakt zu Fremden aufgebaut oder bei bereits Bekannten der Boden für beispielsweise eine Verhandlung positiv bereitet werden. Somit ist ein gut geführter Small Talk – und zwar im Privat- wie im Berufsleben – ein wichtiges Kommunikations-Instrument. Ein Zitat von Albert Camus besagt: „Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen.“ Genau als ein solcher „Türklopfer“ kann bei Fremden ein guter Small Talk dienen. Mit seiner Hilfe lässt es sich vermeiden, sie mit eventuell unwillkommenen, weil zu intimen oder für sie zu intensiven Themen zu überfallen. Das gelingt allerdings nur dann, wenn die Small-Talk-Tabus unter Fremden beachtet werden. Als Gesprächseinstieg gehören dazu in Deutschland auf jeden Fall der Bereich Tod sowie strittige und heikle Themen aus der Gesellschaft (etwa Religion, Sex, Einkommen und Besitz, ethnische Fragen). Der Punkt Krankheit, der bekanntermaßen zu den Tabus unter Fremden zählte, ist allerdings unter aktuellen Aspekten differenziert zu betrachten. Eng ausgelegt, würde ein komplettes Vermeiden des Themas ja alles ausschließen, was die Corona-Zeit betrifft. Das wäre selbstverständlich sowohl übertrieben als auch die Lebenswirklichkeit der Menschen missachtend. Dennoch bleiben andere gesundheitliche Bereiche nach wie vor den Gesprächen mit Vertrauten vorbehalten und sind weiterhin ungeeignet für einen Small-Talk-Einstieg unter wenig Bekannten. Dieser Unterschied sollte beachtet werden. Ebenso, dass es verpönt ist, sich bei einer Frau nach ihrem Alter zu erkundigen. Nach aktuellen Empfehlungen gilt dies auch unter relativ fremden Männern. Ein weiteres neues Small-Talk-Tabu ist die Frage nach dem Familienstand. Genauso wie die nach dem Alter, berührt sie einen intimen und oft emotional belasteten Bereich. Rücksichtnahme bedeutet in diesem Fall, andere nicht durch eine solche Frage in Erklärungsnot zu bringen, die als unangenehm, aufdringlich oder gar bloßstellend empfunden werden kann. In der Freizeit und im Urlaub kommt in der ersten Phase einer Bekanntschaft als Tabu noch die Frage nach dem Beruf dazu. Problemlose Gesprächseinstiege bieten unter anderem Themen wie Urlaub, Sport, Kultur in allen Facetten – Fernsehen, Kino und Theater eingeschlossen –, lokale oder aktuelle Ereignisse. Allerdings kippen solche Themen in der Regel ins Negative, wenn sie mit direkten Schuldzuweisungen, Angriffen auf beziehungsweise Kritik an anwesenden Menschen oder an der aktuellen Situation verbunden werden.



TANZEN
„Gestatten Sie, dass ich mit Ihrer Gattin tanze?“
Diese Frage ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Heutzutage entscheiden Frauen selbst, ob, wann und mit wem sie tanzen – auch dann, wenn sie in männlicher Begleitung sind. Ob es sich dabei um den Ehemann, den Partner oder sonst wen handelt, ist unerheblich.

Allein am Tisch?
Bei der Annahme einer Aufforderung durch jemand anders als die eigene Begleitung, berücksichtigen Sie, bitte: Es kann unangenehm sein, allein am Tisch zurückzubleiben. Das gilt für Frau wie für Mann gleichermaßen.

Wem gehört der erste Tanz?
Ganz gleich, ob Sie mit Bekannten oder Fremden bei einer Tanzveranstaltung an einem Tisch sitzen: Das Paar, welches zusammen ein solches Fest besucht, tanzt den ersten Tanz miteinander. Wer wen dazu auffordert, ist unerheblich. Selbstverständlich kann diese Initiative von der Dame ausgehen. Die schöne alte Sitte, auch die anderen Gäste der Tischrunde zum Tanzen aufzufordern, beginnt erst danach. Die früher üblichen Pflichttänze – also mit jeder Dame am Tisch einmal tanzen zu müssen – gibt es allerdings bei öffentlichen Bällen nicht mehr.

"Darf ich bitten?"
Dass Gesellschaftstanz eine besonders schöne Freizeitbeschäftigung ist, wissen viele Menschen aller Altersstufen. Welche große Besonderheit er jedoch im Umgang miteinander darstellt, dürfte den wenigsten bewusst sein: Es ist die einzige, gesellschaftlich sanktionierte Gelegenheit, bei der sich selbst wildfremde Menschen anfassen und sehr nahe kommen dürfen, ohne dass dies als Eindringen in die intime Distanzzone betrachtet wird – was sonst in dieser Tabuzone unweigerlich der Fall ist. Um diesen „Tabubruch“ aufzufangen, haben sich die Menschen eine Spielregel dafür gegeben: das Auffordern zum Tanzen. Dabei wird um das Einverständnis zum gemeinsamen Bewegen gebeten. Dies muss selbstverständlich heute nicht mehr mit dem traditionellen: „Darf ich bitten?“, passieren. Je nach Bekanntheitsgrad sind Sätze wie: „Haben Sie Lust zum Tanzen?“, „Möchten Sie mit mir diesen Wiener Walzer tanzen?“, „Hast du Lust auf einen Cha Cha Cha?“, „Wollen wir tanzen?“ moderner und ebenso höflich. Die Einwilligung zum gemeinsamen Tanz hebt jedoch nicht die persönliche Intimsphäre auf. Ein zu enger Körperkontakt kann als aufdringlich empfunden werden.

Aufforderung zum Tanzen - reine Männersache?
Nein – diese Zeiten sind vorbei. Selbstverständlich kann eine Frau heute einen Mann zum Tanzen auffordern, ohne sich – wie es früher gewesen wäre – „unmöglich“ zu machen. Einziges Risiko dabei, welches die Männer seit eh und je als Auffordernde eingehen mussten: Sie könnte sich „einen Korb“ holen. Doch das wird eine moderne, selbstbewusste Frau sicher unbeschadet überstehen.

"Nein, danke" - einen Tanz ablehnen?
Ob Frau oder Mann: niemand kann zum Tanzen „verdonnert“ werden. Einen Tanz abzulehnen ist keine Unhöflichkeit. Allerdings sollte eine Ablehnung immer freundlich geschehen, wenn möglich mit einer Begründung wie: „Nein danke. Ich möchte im Augenblick nicht tanzen (gern mal eine Runde aussetzen)“, „Es tut mir Leid, ich brauche dringend eine kleine Pause (meine Füße ‚streiken’ zur Zeit / ich habe mich gerade mit einer Bekannten an der Bar verabredet).“ Schlechte Umgangsform – weil kränkend für abgewiesene Personen – wäre es allerdings, den ausgeschlagenen Tanz mit jemand anderem zu tanzen.

Aufstehen zum Auffordern?
Geht eine Dame oder ein Herr an einen anderen Tisch, um dort jemanden zum Tanzen aufzufordern, stehen sie automatisch. Findet das Auffordern innerhalb einer Tischrunde statt, ist es unter Fremden empfehlenswert, zum Auffordern aufzustehen. Im Bekanntenkreis ist dies kein Muss mehr. Eine Frage wie: „Hast du Lust mit mir zu tanzen?“, kann ruhig im Sitzen gestellt werden, ohne damit eine Unhöflichkeit zu begehen.